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  Eisblumen ( 1 )
  Nun war draußen nirgendwo mehr eine bunte Blume zu sehen, die Beete im Garten waren mit Tannenzweigen zugedeckt, die Rosenstöcke hatten eine warme Strohkapuze über den Kopf bekommen, und auch die Blumenstöcke vorm Fenster waren verwelkt, und man hatte sie fortgenommen.
  "Schade", sagte das Sofa, das so recht behaglich hinter dem großen Esstisch in der Stube stand und gerade auf das Fenster sehen konnte. "Es war so hübsch, wenn die Blumen uns zunickten und uns erzählten, was draußen auf der Straße vor sich ging." Die anderen Möbel fanden das auch. Der Tisch meinte zwar, man solle nicht klagen, denn jetzt fange die gemütliche Zeit für die Stube eigentlich erst an! Im Sommer liefen die Menschen alle fort - hinaus in Garten, Wald und Feld. Im Winter aber blieben sie hübsch in der Stube zusammen, erzählten sich was oder lasen sich was vor, und so hörten sie - die Möbel - doch eigentlich noch mehr als von den Blumen.
  Das war wahr. Aber - schöner hatte die Stube doch mit den Blumen ausgesehen, das war ganz sicher. -
  Nun hört, was ein paar Wochen später eines Morgens den Möbeln für eine große Überraschung aufblühte.
  Es war bitterkalt draußen, und auch in der Stube war es in der Nacht so kalt geworden, dass die Möbel die Betten in der Schlafstube beneideten, die sich so schön mit warmen Federkissen zudecken durften. Da - als der Schrank eben aus dem Schlaf erwachte, tat er vor Verwunderung einen lauten Knacks.
  Die anderen Möbel wachten alle davon auf, und was sahen sie? Das ganze Fenster war von oben bis unten mit einer schneeweißen, glitzernden Eiskruste bedeckt. Es war kein gewöhnliches, glattes Eis. Ganz sonderbare Gebilde waren darauf zu sehn - wie Blumen, Blätter, Stiele, aber alles ganz durcheinander - manchmal schwer zu erkennen.
  "Was ist das nur?" fragte ganz leise das Sofa. Es war ganz benommen von der weißen Glitzerherrlichkeit. "Ist der Glaser vielleicht heute nacht da gewesen und hat heimlich andere Scheiben eingesetzt?"
  "Vielleicht ist`s hier so ähnlich wie im Häuschen der Hänsel - und - Gretel - Hexe", meinte der Spiegelschrank. "Die Hexe, die in mir steht, wird die Scheiben in Zucker verwandelt haben."
  Bei dem Wort "Zucker" machte die kleine schwarze Fliege, die auch mit in der Stube wohnte, sich schleunigst auf den Weg. Aber ganz enttäuscht kam sie bald zurückgeflogen. "Nein - es ist kein Zucker", sagte sie. "Es schmeckt auch nicht ein bisschen süß! Aber so rau ist`s wie Zucker, das ist wahr."
  "Ich glaube, dass es Blumen sind", sagte das Gießkännchen. Das Ofenrohr, das immer gleich ein bisschen oben hinaus war, sagte zwar: "Ach - schwätzen Sie doch kein Blech!" Aber alle anderen in der Stube gaben dem kleinen Gießkännchen recht.
  Ja - wer hatte diese seltsamen schneeweißen Blumen aber nur so in aller Herrgottsfrühe ans Fenster gezaubert? Die Möbel hätten es gar zu gerne gewusst! Aber das Fenster - das einzige, das doch darüber hätte Auskunft geben können - das war ganz starr und stumm, man wusste nicht, war es das vor lauter Entzücken oder hatte es jemand mit den weißen Blumen gleich mitverzaubert.
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  Sophie Reinheimer 1874 - 1935
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